Zwei Fragen - Zwei Ansätze

Ein allgemein anerkannter Grundsatz der Stoffentwicklung lautet: geh von der Figur aus. Oder anders ausgedrückt: Was würde die Figur tun? Dabei ist eine andere Frage die viel wichtigere: Warum tut die Figur das?

Es gibt also zwei Ansätze: beim einen kommt man von der Figur zur Handlung, beim anderen von der Handlung zur Figur. Häufig wird der zweite Ansatz als minderwertig, wenn nicht gar als falsch angesehen, dabei kann die Frage "Warum tut die Figur das?" die hilfreichere sein. 

Zum einen, weil Ideen launisch sind. Man muß sie nehmen, wie sie kommen. In manchen Fällen ist die erste Idee für eine Geschichte tatsächlich eine Figur, in vielen Fällen aber ist sie der Bruchteil einer Handlung. Da hilft die Frage, was die Figur tun würde, nicht weiter, sie ist ja schon beantwortet.

Aber auch wenn man schon eine Figur hat, kann eine handlungsorientierte Stoffentwicklung Vorteile bringen, weil sie mitunter zu abwegigen Lösungen führt: Fragt man sich nur, was die Figur tun würde, besteht die Gefahr, sich zu sehr einzuschränken und nur auf das Naheliegende zu kommen. Setzt man aber eine Handlung und fragt sich dann, warum die Figur das tut, kann man zu interessanten Brüchen und Widersprüchen in einer Figur kommen. Und gerade die machen starke Figuren aus, mit denen wir uns identifizieren können. Die Entscheidungen, die wir in unserem Leben treffen, sind schließlich auch nicht selten irrational und inkonsequent.

Letztlich kann der Weg von der Handlung zur Figur also zu spannenderen, wenn nicht gar zu realistischeren Geschichten führen. Doch gilt es dabei eines immer zu beachten: Auf die Frage "Warum tut die Figur das?" muß eine zufriedenstellende Antwort gefunden werden.

Heute ringen wir die Mittelmäßigkeit nieder!

Uh! War das eine Klatsche, oder was? In einem Interview mit dem Tagesanzeiger findet der frühere Sat.1-Chef Roger Schawinki nicht nur klare Worte zu Harald Schmidt ("parasitär und unverfroren"), sondern watscht im selben Atemzug noch ganz Deutschland mit ab, "wo das Erfolgsrezept Durchschnittlichkeit heisst, was ja Angela Merkel oder Günther Jauch so schön vorexerzieren."

Aber wir wollen mal nicht beleidigt sein und statt dessen lieber ein wenig über Mittelmäßigkeit sinnieren:

Die erkennt man nämlich nur in direkter Gegenüberstellung. Und deshalb sind zwei Ideen immer besser als eine, findet auch Jack Foster in How to Get Ideas:

"You don't know if an idea is any good until you have other ideas to compare it to."

Aber nicht nur deshalb ist ist es ratsam, sich immer mehrere Ideen einfallen zu lassen; es ist auch leichter:

"Getting many ideas is easier than getting the impossible 'right' one."

Und der ultimative Grund, warum man immer mit mehr als einer Idee aufwarten sollte, ist dieser:

"Come up with a lot of ideas. That way you'll be known as 'that genius with all the ideas' instead of 'that jerk with the lousy idea.'"

Alles wird gut! Alles wird gut!

Mit diesem Mantra wollen wir beschwingt in die neue Woche starten! Oder wie es die drei Idioten im gleichnamigen indischen Film (dem erfolgreichsten aller Zeiten!) singen: "All Izz Well!".

Wie wichtig ist Talent?

Ziehen wir diesmal Max Reinhardt zu Rate:

"Vergessen Sie Talent! Sind Sie zäh?"

gefunden in: Uta Hagen: Kleines Schauspieler-Handbuch.

Am Schreiben ist eigentlich alles schlimm. Aber was ist das schlimmste?

Lassen wir diese Frage Agatha Christie beantworten. In Das fahle Pferd läßt sie Mrs. Olivier, "eine sehr bekannte Verfasserin von Kriminalromanen", sagen:

"Ich bin viel zu sehr mit meinem neuen Buch beschäftigt... oder vielmehr damit, mich darüber zu ärgern, daß ich nicht vorankomme. Das ist das schlimmste dabei, wenn man Schriftstellerin ist - obwohl eigentlich alles schlimm und ermüdend ist, außer dem einem Moment, da man glaubt, eine wundervolle Idee zu haben und es kaum erwarten kann, mit dem Schreiben anzufangen."

(Übersetzung: Margaret Haas)

Es ist also doch nicht alles schlimm: Vergessen wir das nicht!

Warum das Kino niemals aussterben wird.

Gibt es etwas Nervigeres als quatschende Zuschauer im Kino? Nein! Das findet auch Tilmann Warnecke, der für den Tagesspiegel ein "Plädoyer für mehr Konzentration" verfaßt hat und sich darin nach den alten Griechen sehnt:

"Wenn die ihre großen Festspiele abhielten, wachten Aufseher über das Publikum und hielten dieses notfalls 'mit  Stockhieben ruhig', wie Platon berichtet."

Neben roher Gewalt hat Tilmann Warnecke aber noch eine andere erstaunliche Sache entdeckt, die die Leute zum Schweigen bringt:

"Was auf jeden Fall hilft, ist Nacktheit der Darsteller."

Quatschende Zuschauer nerven. (Und auch solche, die mitten im Film aufstehen und mit ihrem Schatten die Leinwand abdecken!) Aber seien wir ehrlich: Kein 3D, kein Surround-Sound, keine noch so große Leinwand und auch kein Valet-Parking wird das Kino retten. Das kann nur das Publikum!

Das Gemeinschaftgefühl, mit anderen zusammen einen Film zu gucken, kann man zuhause einfach nicht simulieren, das hat man nur im Kino. Jeder weiß, daß Komödien witziger sind, wenn man sie zusammen schaut. Aber auch andere Genres gewinnen - und das gilt für einen aktuellen Film ganz besonders: DRIVE. 

Im Dezember hatte ich das Privileg, DRIVE mit 90 anderen Leuten vorab im ausverkauften Central-Kino zu sehen. Und die Reaktionen auf einige Szenen des Films mitzubekommen, war unglaublich! Mehr will ich an dieser Stelle gar nicht schreiben (Keine Spoiler!), aber es ist ganz klar: DRIVE muß man im Kino sehen!

Wofür ist das Internet gut, wenn nicht zum Predigen? Deshalb: Auf ins Kino! DRIVE anschauen!

 

How would Lubitsch do it?

Anfang des Monats hat uns Kurt Vonnegut erklärt, wie man mit Geschichten Millionen verdient, nun erklärt uns Ernst Lubitsch, anläßlich seines 110. Geburtstags, was man macht, wenn man die erste Million einmal hat.

Folgende Episode stammt aus If I Had a Million (1932), in dem ein sterbender Millionär das Telefonbuch und den Zufall entscheiden läßt, wer seine Millionen erben soll. Einer der Glücklichen ist Charles Laughton, der als kleiner Angestellter in einem Großraumbüro schuftet:

Mit Pumps und Perlenkette gegen den inneren Schweinehund!

Wer zur Arbeit nicht ins Büro fährt, sondern nur an seinen heimischen Schreibtisch geht, hat unbestritten Vorteile: kurzer Anfahrtsweg, flexible Arbeitszeiten, keine quatschenden Kollegen. Ebenso unbestritten hat der Heimarbeiter einige gravierende Nachteile: zuhause ist man schneller abgelenkt - etwa von wirklich (!) dringender Hausarbeit. Im Großraumbüro hingegen fühlt man sich nur selten veranlaßt, Staub zu saugen oder die Fenster zu putzen. Zuhause fehlt einem der klare Arbeitsbeginn und der klar definierte Feierabend - Arbeit und Freizeit verschwimmen. Und die Gefahr, daß man am Abend nicht das geschafft hat, was man doch eigentlich wollte, ist groß.

Was kann man nur tun?

Diese Frage hat sich auch Verena Mayer vom Tagesspiegel gestellt und in ihrem Bekanntenkreis nach Tips gefragt. Zwei Tips fand ich ganz bemerkenswert und möchte sie deshalb hier aufgreifen:

Über eine befreundete Grafikdesignerin, die ebenfalls zu Hause arbeitet, berichtet Verena Mayer, daß sie jeden Morgen um halb neun aus dem Haus geht und eine Runde um den Block dreht.

"Wenn sie sich dann im Schlafzimmer an ihren Schreibtisch setzt, hat sie das Gefühl, zur Arbeit gegangen zu sein. Um 18 Uhr das gleiche Spiel, wobei sie während der Rushhour noch eine halbe Stunde Bus fährt. Danach kann sie es kaum erwarten, nach Hause zu kommen."

Eine Korrespondentenkollegin aus Tiergarten hat noch eine andere Arbeitsweise gefunden:

"Sie zieht jeden Morgen einen schwarzen Hosenanzug und hochhackige Schuhe an. Bevor sie vom Schlafzimmer ins Arbeitszimmer wechselt, legt sie sich noch eine Perlenkette um den Hals. So kann sie der Privatheit ihrer Wohnung die notwendige Professionalität abtrotzen."

Das probieren wir morgen doch gleich mal aus! Und übermorgen werde ich dann ein Foto von mir mit Pumps und Perlenkette posten!

Loriot fordert: Mehr Mut zur Unterhaltung!

"Sie dürfen nicht nur unterhalten, Sie müssen irgendeine Moral haben", bedauerte Loriot einmal in einem Interview. "Das ist schade. Es gehört eine gewisse Form des Mutes dazu, zu sagen, ich will in diesem Augenblick "nur" unterhalten. [...] Ich glaube, daß Unterhaltung, richtig verstanden, nicht bedeutet, den Menschen die Zeit zu vertreiben. [...] Gut gemachte Unterhaltung konzentriert doch wie nichts Anderes, bannt die Leute. Wenn sie etwas Gutes gesehen haben, vergessen sie es womöglich nicht mehr."

Recht hat er!

Lassen wir uns also jetzt ganz unmoralisch vom unvergessenen Loriot unterhalten:

 

aus: "Ödipussi" (natürlich auf DVD erhältlich!)

Wenn Sie dieses Buch kaufen, werden die Leute über Sie lachen

So steht es (in Englisch) auf dem Umschlag von Scott Seditas sehr empfehlenswertem Handbuch The Eight Characters of Comedy. Der Untertitel des Buches lautet A Guide to Sitcom Acting and Writing. Und damit haben wir den Inhalt schon sehr gut umrissen.

Es geht um Sitcoms, ein Genre, das sich zur Zeit in den USA, wie auch in Deutschland wieder einmal großer Beliebtheit erfreut: How I Met your Mother, The Big Bang Theory, Two and a Half Men... Alle sind sie anders und doch ähneln sie einander; denn alle Sitcoms bedienen sich (wie auch die Commedia dell' arte) aus einem im Grunde übersichtlichen Arsenal von Figurentypen.

In seinem Buch hat Scott Sedita acht verschiedene Typen mit ihren jeweiligen Charaktermerkmalen herausgearbeitet, wie sie immer wieder in amerikanischen Sitcoms auftauchen. Es sind:

  1. The Logical Smart One: sie oder er ist klug, verantwortlich, ruhig, gewissermaßen die Stimme der Vernunft. Beispiele für The Logical Smart One sind: Carla in Scrubs, Clair Huxtable in The Cosby Show oder Dorothy in Golden Girls.
  2. The Loveable Loser: sie, meistens aber er, ist verträumt, gutherzig, voller Hoffnung und Pläne und impulsiv. Beispiele für The Loveable Lose sind: Leonard in The Big Bang Theory, J.D. in Scrubs oder Chandler in Friends.
  3. The Neurotic: sie oder er ist unsicher, voller Sorgen, nie zufrieden, kontrollsüchtig und weiß das alles auch. Beispiele für The Neurotic sind: Elliot in Scrubs, Frasier und Niles in Frasier oder Monica in Friends.
  4. The Dumb One: sie oder er ist kindlich, enthusiastisch, gutmütig, kann nicht lügen und trägt sein Herz auf der Zunge. Beispiele für The Dumb One sind: Joey in Friends, Homer in The Simpsons oder Kelly Bundy in Married... With Children.
  5. The Bitch / Bastard: sie oder er ist gemein, bissig, ich-bezogen, pessimistisch und bauernschlau und deshalb häufig die beliebteste Figur einer Sitcom, weil sie ausspricht, was wir uns nie trauen würden. Zu ihnen gehören: Dr. Cox und Dr. Kelso in Scrubs, Berta in Two and A Half Men oder Sophia in Golden Girls.
  6. The Womanizer / Manizer: sie oder er denkt vor allem an Sex, ist alles andere als schüchtern, dafür selbstbewußt, eitel und eingebildet. Beispiele sind: Barney in How I Met your Mother, Charlie Harper in Two and A Half Men oder Howard in The Big Bang Theory.
  7. The Materialstic One: sie (weniger er) ist verwöhnt, oberflächlich, anspruchsvoll, abschätzig und weinerlich. Zu ihnen zählen u.a. Penny in The Big Bang Theory und Rachel in Friends.
  8. In Their Own Universe: er oder sie ist exzentrisch, enorm begeisterungsfähig, denkt unlogisch oder gerade erschreckend logisch, auf jeden Fall ist er oder sie unvorhersehbar und deshalb auch häufig Liebling des Publikums, wie etwa: Sheldon in The Big Bang Theory oder Phoebe in Friends.

 
Das sind sie nun, die acht Typen, die in unterschiedlichsten Konstellationen immer wieder in amerikansichen Sitcoms auftauchen. Natürlich treffen nicht immer alle Charaktereigenschaften auf eine Figur zu, und manche Figur ließe sich bestimmt auch einem anderen Typ zuordnen, aber die Übereinstimmungen sind doch bemerkenswert.

Wer Lust hat, kann es bei nächster Gelegenheit ja mal selber überprüfen. Und wer mehr wissen will, liest einfach Scott Seditas Buch. In beiden Fällen: Viel Spaß!

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